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Kommentar: Wirrwarr um die Weste

Von Ken Chowanetz

Mainz, 03.06.2014. Die Hersteller von Warnwesten wird es freuen: Wer ab 1. Juli ohne ein solches Plastikteil im Auto erwischt wird, muss 15 Euro zahlen. Der Pfennigartikel wird also millionenfachen Absatz finden – bei astronomischen Verdienstspannen für Produktion und Handel. Wer sich mit der gelben Jacke unchic vorkommt, darf aufatmen: Es gibt nur eine Pflicht zum Mitführen der Weste, nicht aber zu deren Tragen in Gefahrensituationen.

Seit einigen Tagen ist es amtlich: Wer ab 1. Juli keine Warnweste im Auto hat und dabei erwischt wird, muss 15 Euro bezahlen. So weit, so schlecht. Kurios, um nicht zu sagen skandalös wird die Angelegenheit aber, weil in einem Monat zwar jeder Autofahrer und jede Autofahrerin eine Weste an Bord haben muss, es aber keine Pflicht gibt, diese in einer Gefahrensituation – etwa nach einem Unfall – beim Verlassen des Fahrzeugs auch tatsächlich anzulegen.

Keine Tragepflicht

Wie schräg ist das denn? Ich werde also irgendwann nach dem 1. Juli 2014 von der Polizei im Rahmen einer Verkehrskontrolle angehalten und kann keine Warnweste vorweisen. Zack, schon stehen 15 Euro auf der Verwarn-Rechnung. Der Einwand, dass man den „Überzieher“ nicht an Bord habe, weil man ohnehin nicht vorhabe, das seltsame Teil zu tragen, läuft ins Leere. Gesetz ist nun mal Gesetz. Ein schwacher Trost – und gleichzeitig eine Steigerung des Irrsinns: Die 15 Bußeuro werden nur einfach fällig – und nicht etwa pro Insasse im Auto. Pflicht ist nämlich, genau ein Exemplar des Plastikjacke mitzuführen. Ob Beifahrer und hinten Sitzende nach einem Unfall aussteigen, ohne dank Weste besser sichtbar zu sein, ist dem Gesetzgeber anscheinend einigermaßen egal.

Blick nach Frankreich

Wer nun, vielleicht sogar reflexhaft, denkt, die Warnwestenposse sei typisch deutsch, braucht nur einmal zu unseren Nachbarn im Westen zu schauen. Dort ist es März 2012 Pflicht, einen Alkoholtester an Bord zu haben. Wozu das denn? Wer verantwortungsbewusst unterwegs ist, wird das Auto ohnedies stehenlassen, wenn er ein Bierchen (ach nein, wir sind ja in Gallien, also wenn er ein Rotweinchen) intus hat. Und anzunehmen, dass jemand, der angetrunken (oder betrunken) ist und partout noch fahren will, den Alkoholtester aus dem Handschuhfach nimmt, ihn nutzt und dann doch nicht den Zündschlüssel umdreht, ist ja wohl pures Wunschdenken. Das Ende vom Lied: Die Pflicht, einen Alkoholtester im Auto zu haben, besteht zwar weiterhin, das eigentlich fällige Bußgeld in Höhe von elf Euro wird aber nicht mehr eingezogen.

Allerdings muss man schon ein ausgesprochener Optimist sein, um anzunehmen, dass die 15-Warnwesten-Euro ebenso lax (das heißt: gar nicht) eingetrieben werden.

Ken Chowanetz

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Eine solche Warnweste gehört ab 1. Juli zwingend ins Auto. Eine Tragepflicht besteht hingegen nicht. Foto: Wikimedia/Schraubinger

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